Kriegskredite

Alle Parteien des Reichstags stimmen Kriegskrediten zu

Am Morgen des 4. August 1914 trafen sich die Abgeordneten der SPD zur Fraktionssitzung im Reichstag. Dort wurde nochmals über die Erklärung zur Zustimmung zu den Kriegskrediten debattiert. Parteivorsitzender Hugo Haase versuchte vergeblich, den Passus »Da machen wir war, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich« zu ersetzen. Zudem erwog er, die Erklärung nicht zu verlesen, da sie nicht seiner Überzeugung entspreche. Nach heftigen Beschwerden seiner Genossen übernahm er die Aufgabe dann doch und gab in der nachmittäglichen Plenarsitzung folgende Erklärung ab, mit der er die einstimmige Zustimmung zu den Krediten begründete:[1]

Die von Hugo Haase im Reichstag abgegebene Erklärung wurde noch am selben Tag veröffentlicht. Extraausgabe des »Vorwärts« vom 4. August 1914.

Die von Hugo Haase im Reichstag abgegebene Erklärung wurde noch am selben Tag veröffentlicht. Extraausgabe des »Vorwärts« vom 4. August 1914.

In aller Deutlichkeit sprach sich die SPD gegen einen Eroberungskrieg aus – man war im Glauben, einen Verteidigungskrieg gegen Russland zu führen. Neben der Abwehr des reaktionären Zarismus spielte auch die politische Integration in die Gesellschaft des Kaiserreichs eine wichtige Rolle. Die Parteiführung sah sich zwei Möglichkeiten gegenüber: Entweder man verteidigte an der Seite der anderen Parteien das Vaterland und zog daraus vielleicht später einen Vorteil auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft; oder man versperrte sich dem Drängen der Regierung, was die Gefahr von Verboten, Verhaftungen und anderen Repressalien gegenüber der Sozialdemokratie heraufbeschworen hätte. Die Möglichkeit, weiter für den Frieden einzutreten und vielleicht durch international abgestimmte Aktionen den Krieg zu verhindern, wurde nur noch vom äußerst linken Parteiflügel erwogen – zumal auch die Arbeiterparteien der anderen europäischen Staaten zu erkennen gaben, dass sie sich mehr noch als der Sozialistischen Internationale ihrem eigenen Land verpflichtet sahen.

Da am Vortag Fraktionszwang beschlossen worden war, stimmten alle Abgeordneten der SPD für die Bewilligung der Kriegskredite. Wie alle anderen Parteien erhoben sie sich anschließend zum ›Kaiserhoch‹; wobei aber nicht alle in die »Hoch«-Rufe mit einstimmten. Eduard David, der sich maßgeblich für die Bewilligung der Kredite eingesetzt und an der Erklärung entscheidend mitgewirkt hatte, drückte in seinen Tagebuchaufzeichnungen seine Erleichterung aus:

»Der ungeheure Jubel der gegnerischen Parteien, der Regierung, der Tribünen, als wir uns zur Zustimmung erheben, wird mir unvergessen sein. Es war im Grunde eine an uns dargebrachte Ovation.«[2]

Der Parteivorsitzende Friedrich Ebert, gerade aus der Schweiz zurückgekehrt, verfolgte im Gegensatz zu Haase, der dem linken Parteiflügel angehörte, einen neutraleren Führungsstil. Ihm war daran gelegen, zwischen den Interessen aller Mitglieder zu vermitteln – vor allem, um die Politikfähigkeit der Partei aufrechtzuerhalten.[3] Durch die internen Spannungen infolge des nun eingegangenen Burgfriedens, dem politischen Waffenstillstand zwischen allen Parteien, wurde das zunehmend schwer. Insbesondere der linke Parteiflügel reagierte mit Enttäuschung und Wut über die Entscheidung zur Bewilligung der Kriegskredite. Der Stuttgarter Redakteur Arthur Crispien schrieb am 4. August 1914 in sein Tagebuch:

»[…] Nachmittags treffe ich unterwegs einige Trupps Einberufener. Viele viele Genossen. Winken. Lebe wohl! Auf Wiedersehen!
Auf Wiedersehen? Vielleicht.
Unsere Frauen halten eine Sitzung ab, zur Vorbereitung für Hilfsaktionen für die Frauen und Kinder der Eingerückten.
Das Menschenschlachthaus ist eröffnet.
Unsere Reichstagsfraktion wird für den Krieg einstimmig 5 Milliarden Mark bewilligen! Die bürgerliche Presse feiert die patriotische Sozialdemokratie. Parteien und politische Gegensätze haben aufgehört. Kunststück! Wo sich die dummen Proleten willig für den imperialistischen Kapitalismus abschlachten lassen.
Ich nehme mir vor, nach diesem Kriege mit denen abzurechnen, die das Proletariat feige verraten haben. Der Parlamentarismus hat uns korrumpiert. Der Krieg ist die Geburtsstunde einer sozialrevolutionären Arbeiterpartei in Deutschland.
Solche ketzerische Gedanken sind die natürliche Folge der Erbärmlichkeit unserer Genossen, die aufgehört haben Männer zu sein. […]«[4]

Im November 1914 musste Crispien wegen seiner wiederholten heftigen Kritik am Burgfriedensschluss seinen Redakteursstuhl bei der »Schwäbischen Tagwacht« räumen. Der bei Crispien anklingende Vorwurf des Verrats am Proletariat überdauerte den Krieg und wurde nach der Spaltung der SPD Teil der von USPD, KPD und später SED vorgebrachten Generalkritik an der Sozialdemokratie.

[1] Vgl. Das Kriegstagebuch des Reichstagsabgeordneten Eduard David 1914 bis 1918, bearb. v. Susanne Miller (= Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Erste Reihe: Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Republik, hrsg. v. Werner Conze u. Erich Matthias, Bd. 4), Düsseldorf 1966, S. 10f.
[2] Ebd., S. 12.
[3] Vgl. Dieter K. Buse, Ebert and the Coming of World War I. A Month from his Diary, in: International Review of Social History 13, 1968, S. 430–448, hier: S. 433.
[4] 1/ACAA000006, Nachlass Arthur Crispien, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Weitere Quelle: Protokoll der Reichstagssitzung vom 4. August 1914.

Mehr zum Burgfrieden als sozialdemokratischen Erinnerungsort, mit Bilder- und Audiogalerie: Burgfrieden – Erinnerungsorte der Sozialdemokratie.

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