Freiwilliger Kriegsdienst

Auch Sozialdemokraten ziehen freiwillig in den Krieg

Obwohl die in Teilen noch immer überlieferte Darstellung einer alle Schichten umfassenden Kriegsbegeisterung im August 1914 so nicht zutrifft, gab es auch unter Sozialdemokraten solche, die sich begeistert für den Kriegsdienst meldeten. Ihre Motivation ist jedoch nicht nur durch nationalistische Triebkräfte zu erklären, sondern auch durch ein persönliches Bedürfnis, nun ohne Unterschied dazugehören zu können. Dies betraf primär bürgerliche Sozialdemokraten, deren Sozialisation und Werte zuvor in einem Spannungsverhältnis zur eigenen politischen Überzeugung gestanden hatten.[1] Das galt auch für den Kaufmannssohn Ludwig Frank. Der reformorientierte Jurist aus Baden und SPD-Reichstagsabgeordnete hatte sich intensiv um die Zustimmung seiner Partei zu den Kriegskrediten bemüht und sich anschließend freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Der Einsatz seines Lebens für das Vaterland war für ihn Heldentum.[2] Philipp Scheidemann erinnerte sich in seinen Memoiren an die letzte Begegnung mit ihm am 4. August 1914:

»Am Abend jenes denkwürdigen Tages hatten viele Freunde aus der Fraktion sich im Garten des ›Weihenstephan‹ am Schöneberger Ufer zusammengefunden. Dort erhielten wir die Meldung von der Kriegserklärung Englands, dort sahen wir auch Ludwig Frank zum letzten Male. Ernster noch als alle anderen, war er, der lebhafte und geistreiche Plauderer, an diesem Abend vollkommen schweigsam. Ich begleitete ihn später nach seinem Hotel in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Stumm schüttelten wir uns zum Abschied die Hände. Am nächsten Tage schon stellte er sich freiwillig zum Heeresdienst.«[3]

Insgesamt sind die Zahlen zu Kriegsfreiwilligen im Ersten Weltkrieg schwer zu ermitteln und zudem von der zeitgenössischen Presse häufig übertrieben dargestellt worden. Dennoch lässt sich für die ersten zehn Kriegstage allein in Preußen eine Zahl von etwa 260.000 Kriegsfreiwilligen konstatieren, wobei die Angehörigen der bürgerlichen Ober- und Mittelschichten überwogen. Arbeiter waren dagegen unterrepräsentiert. Freiwilliger konnte man zudem nur sein, wenn man nicht einberufen oder nicht im wehrpflichtigen Alter war. Die meisten Soldaten des Ersten Weltkriegs, wie auch die meisten Sozialdemokraten und Arbeiter wurden jedoch einberufen.[4]

Zu der kleineren Gruppe der Freiwilligen zählte auch der spätere Sozialdemokrat Lothar Erdmann. Wie sein Militärpass verrät, trat er am 5. August 1914 in den Dienst ein und wurde prompt an die Front im Westen versetzt.5.8._Lothar Erdmann Militaerpass_Sozialdemokratie19145.8._Lothar Erdmann Militaerpass1_Sozialdemokratie1914

Die ersten Seiten des Militärpasses von Lothar Erdmann. Quelle: 1/LEAA000002, Nachlass Lothar Erdmann, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die ersten Seiten des Militärpasses von Lothar Erdmann. Quelle: 1/LEAA000002, Nachlass Lothar Erdmann, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Lothar Erdmann als Soldat, etwa im Jahr 1915. Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Lothar Erdmann als Soldat, etwa im Jahr 1915. Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

[1] Vgl. Wolfgang Kruse, Krieg und nationale Integration. Eine Neuinterpretation des sozialdemokratischen Burgfriedensschlusses 1914/15, Essen 1994, S. 98f.
[2] Vgl. ebd., S. 101.
[3] Philipp Scheidemann, Memoiren eines Sozialdemokraten, Bd. 1, Dresden 1928, S. 259.
[4] Vgl. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich, Deutschland im Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main 2013, S. 62; vgl. auch Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann, Das soldatische Kriegserlebnis, in: Wolfgang Kruse (Hrsg.), Eine Welt von Feinden. Der große Krieg 1914–1918, Frankfurt am Main 1997, S. 127–158, hier: S. 132.

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