Erste Ausschusssitzung nach Kriegsbeginn

SPD-Parteiausschuss befürwortet die Einhaltung des Burgfriedens

Am 27. September 1914 tagte von 10 Uhr morgens bis 19:30 Uhr abends der Parteiausschuss der SPD. In seinem Eingangsplädoyer gab der Parteivorsitzende Friedrich Ebert einen Überblick zu den Geschehnissen seit Kriegsausbruch und betonte abschließend nochmals die brisante Situation, in der sich die Partei befand:

»In dieser schicksalsschweren Zeit kann jeder Tag eine Aenderung der Situation bringen. Die Parteitätigkeit kann jeden Tag unmöglich gemacht werden. […] Wo es möglich ist, sind Mitgliederversammlungen abzuhalten, in denen besonders organisatorische und wirtschaftliche Fragen besprochen werden sollen. Auch für die Presse muß gearbeitet werden. Wir kommen jetzt an Bevölkerungsschichten heran, denen es früher verboten war, die sozialistische Presse zu lesen. Wir müssen alles tun, um unsere Organisationen so stark wie möglich zu erhalten. Wir müssen für einen Frieden wirken, der uns die Freundschaft mit den Nachbarvölkern ermöglicht.«[1]

Neben Forderungen nach finanzieller Unterstützung für Arbeitslose und Notleidende im Kriege wurden auch das Verhältnis zur Sozialistischen Internationale und die Nachrichten von Kriegsverbrechen aus Belgien thematisiert. Kurz vor der Mittagspause fasste der Vertreter des Bezirks Hannover, Robert Leinert, zusammen:

»Die Darstellung der internationalen Verhältnisse hat bestätigt, daß die Stellung der Auslandsparteien eine Gefahr für die Partei und das Volk ist. […] Bei der Beurteilung der Vorgänge in Belgien muß man auch auf die hören, die im Felde stehen. Eine Kommission wird nichts erreichen können. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, angebliche Greueltaten der Deutschen in Belgien festzustellen, wenn das überhaupt möglich wäre. Eine Kommission der russischen Greueltaten in Ostpreußen wäre viel wichtiger. In der Parteipresse standen jetzt schon Artikel gegen die Annexionspolitik. Wie kann man annehmen, daß dieser Weltkrieg ohne Annexionen zu Ende gehen wird. Aber im gegenwärtigen Zeitpunkt ist es überhaupt nicht richtig, hierüber zu schreiben.«[2]

Parteivorsitzender Hugo Haase trat Leinerts Auffassung zur Annexionsfrage entschieden entgegen, da ein Eroberungskrieg klar gegen die Prinzipien der SPD verstoße. Er betonte, es sei richtig und klug, »gegen die Beutepolitiker sich zu wenden«.[3] Insgesamt wurde die Einhaltung des Burgfriedens befürwortet. Ebert brachte die Situation gegen Schluss der Sitzung nochmals auf den Punkt:

»Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit, aber solange die Partei im Feuer steht, wie jetzt, müssen alle Treibereien unterlassen werden. […] Jedenfalls haben wir die Ehre der Partei in jeder Beziehung gewahrt. Wenn der Frieden wieder einkehren wird oder wenn die Partei vorher eine Katastrophe treffen sollte, so wird sie den Kampf mit reinem Schild aufnehmen.«[4]
Der Burgfrieden in den Augen des »Wahren Jacob«, Nr. 738, Ende Oktober 1914, S. 8500.

Der Burgfrieden in den Augen des »Wahren Jacob«, Nr. 738, Ende Oktober 1914, S. 8500.

[1] Protokoll der Sitzung des Parteiausschusses vom 27. September 1914, in: Protokolle der Sitzungen des Parteiausschusses der SPD 1912 bis 1921, hrsg. v. Dieter Dowe, Bd. 1, Berlin/Bonn 1980, S. 91–105, hier: S. 93.
[2] Ebd., S. 97.
[3] Ebd., S. 99.
[4] Ebd., S. 103.

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