›Germanisierung‹

Im Kaiserreich wird eingedeutscht

Dass sich die öffentliche Meinung im Kaiserreich zunehmend gegen Fremdes richtete, bekamen auch Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zu spüren. Es schien eine regelrechte Welle der ›Germanisierung‹ im Gange zu sein. Eduard David schrieb am 21. August 1914 in ironischem Ton in sein Tagebuch:

»Man ändert englische und französische Firmenschilder, Warenaushänge usw. Man erklärt dem Fremdländischen den Krieg und berichtet mit Genugtuung, daß der General [Otto] v. Emmich den Orden pour le mérite erhalten habe. – Die Speisekarten werden verdeutscht. Ob die Fürsten ihre französischen Küchenchefs entlassen werden? – Man gibt die englischen, russischen, japanischen Orden dem Roten Kreuz zum Einschmelzen. Ob die Fürsten, Diplomaten, Staatsmänner und Generale dem Beispiel folgen werden? Und wie wird man es halten mit dem französischen Sekt, dem russischen Kaviar usw.?«[1]

Für David war diese national ausgerichtete Entwicklung äußerst widersinnig, was er am Beispiel der Herrscherfamilien festmachte:

»Der Zar, der jetzt offiziell als Lügner und Lump gekennzeichnet wird, ist zu dreiviertel deutscher Abstammung. […] Die englische Königsfamilie ist mit der preußischen eng verschwistert und verschwägert. Seltsam, daß der Kanal eine so scharfe Grenze für die Charakterbildung bedeutet! Diesseits nur edelste Gesinnung, Wahrhaftigkeit und Tüchtigkeit, jenseits Neid, Krämergeist und Hinterlist. Da das Blut dasselbe ist, woher die Unterschiede?«[2]

Die umfangreichen Bemühungen der Sozialdemokratie für eine internationale Verständigung wurden durch den Krieg nahezu unmöglich gemacht. So fiel 1914 nicht nur der X. Internationale Sozialistenkongress in Wien, sondern auch die für den 21. August geplante Internationale Konferenz Sozialistischer Frauen und Arbeiterinnen-Organisationen aus.

[1] Das Kriegstagebuch des Reichstagsabgeordneten Eduard David 1914 bis 1918, bearb. v. Susanne Miller (= Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Erste Reihe: Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Republik, hrsg. v. Werner Conze u. Erich Matthias, Bd. 4), Düsseldorf 1966, S. 19f.
[2] Ebd.

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