Sommerurlaub

Parteivorsitzender Friedrich Ebert fährt nach Rügen, Philipp Scheidemann in die Berge

Der spätere SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert um 1910.

Der spätere SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert um 1910. Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Ende Juli begann Friedrich Ebert damit, seine Gedanken und Erlebnisse in Tagebuchnotizen festzuhalten. Sein erster im Rückblick verfasster Eintrag für den 14. Juli 1914 beginnt wie folgt:

»Ich reiste mit meiner Frau und zwei Kindern nach Bre[e]ge auf Rügen. Oesterreich verhandelte wegen dem Attentat wohl noch mit Serbien, an neue Kriegsgefahr hat aber von uns niemand gedacht. Die erste Woche las ich keine Zeitung. Den Vorwärts hatte man mir trotz Aufforderung nicht zugeschickt. Erst in der zweiten Woche erhielt ich ihn, aber erst zwei Tage später. Die Postverbindung war sehr schlecht.«[1]

Nach dem Attentat von Sarajevo hatte sich die Situation scheinbar wieder entspannt. Zwar rechnete man mit gegebenenfalls kriegerischen Sanktionen gegenüber Serbien seitens der Habsburgermonarchie, aber nicht mit einer Eskalation der Lage. Schließlich deutete auch das Handeln der europäischen Staatsoberhäupter nicht darauf hin: Kaiser Franz Joseph I. weilte in seiner Sommerresidenz in Bad Ischl, Kaiser Wilhelm II. war am 6. Juli zu einer Nordlandreise aufgebrochen und auch die französische Staatsspitze reiste am 16. Juli zu einem seit Längerem anberaumten Besuch nach St. Petersburg, wenn auch letztere Reise teilweise unter militärischen Vorzeichen stand.[2] Im Hintergrund waren Militärs und Geheimdiplomatie aber schon dabei, die Bedingungen für eine militärische Lösung auszuloten.[3] Die Memoiren des SPD-Reichstagsfraktionsvorsitzenden Philipp Scheidemann zur Urlaubszeit im Juli 1914 lesen sich wie ein negatives Omen:

»Nach aufregender politischer Tätigkeit und bürokratischer Fronarbeit im Jahre 1914 hatte ich mein Edelweiß des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins an den Hut gesteckt […], um in den Bergen wieder einen Vorschuß auf die Seligkeit zu nehmen. […] Nicht weit vom Pordoijoch entfernt, auf dem Wege zum Bamberger Haus, stießen wir, meine Tochter Luise und ich, auf österreichische Alpentruppen, die Geländeübungen machten. Sie fuhren, Pickel oder Bergstöcke als Steuer benutzend, stehend in Sandreißen [= Geröllfelder] ab, hatten aber zahlreiche Unfälle, so daß wir sehr viel Blut sehen mussten. In den meisten Fällen handelte es sich um Kopfverletzungen. Viele noch ungeübte Soldaten stürzten beim Abfahren und schlugen mit den Köpfen auf. Als wir die Hütte am Fuße der Marmolata erreicht hatten, roch es dort, wie in einem Krankenhaus, nach Karbol, ein im Hochgebirge erfreulicherweise nicht allzu häufiges Parfum.«[4]

[1] Kriegsnotizen des Reichspräsidenten Fritz Ebert, abgedr. in: Dieter K. Buse, Ebert and the Coming of World War I. A Month from his Diary, in: International Review of Social History 13, 1968, S. 430–448, hier: S. 439f.
[2] Vgl. Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014, S. 89f.
[3] Vgl. Gerd Krumeich, Juli 1914. Eine Bilanz, Paderborn/München etc. 2014, S. 69ff.
[4] Philipp Scheidemann, Memoiren eines Sozialdemokraten, Bd. 1, Dresden 1928, S. 232f.

Mehr zu Friedrich Ebert: Friedrich Ebert 1871–1925. Vom Arbeiterführer zum Reichspräsidenten.

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