Urteilsverkündung zur ›Zabern-Affäre‹

Straßburger Gericht verkündet Urteil im Prozess gegen Oberst Ernst von Reuter

Urteil Zabern-Affäre_10.1.1914

»Lübecker Volksbote« vom 12. Januar 1914.

Nach abfälligen Äußerungen seitens des Leutnants Günter von Forstner vom 2. Oberrheinischen Infanterie-Regiment 99 über die elsässische Bevölkerung, war es im November 1913 zu Demonstrationen im elsässischen Zabern (Saverne) gekommen. Das Militär hatte auf die Empörung der Bewohner mit unverhältnismäßiger Gewaltandrohung geantwortet und die zivile Verwaltung vorübergehend außer Kraft gesetzt. Die Vorfälle weiteten sich vom Südwesten ausgehend zu einer reichsweiten Krise aus. Im Dezember 1913 hatte die SPD in zahlreichen Städten des Kaiserreichs zu Protesten gegen die Übergriffe des Militärs aufgerufen – diese wuchsen zu einer Volksbewegung gegen den allgemeinen Militarismus und die »Militärdiktatur« Kaiser Wilhelm II. an. 6 Tage, vom 5. bis zum 10. Januar hatte der Prozess gegen Oberst Ernst von Reuter, Befehlshaber in Zabern, gedauert – er endete mit einem Freispruch. Das Gericht sah es, trotz eindeutiger Zeugenaussagen, nicht als erwiesen an, dass Reuter unrechtmäßig die Kontrolle in Zabern an sich gerissen hatte. Selbst Leutnant von Forstner, der in erster Instanz die Mindeststrafe erhalten hatte, wurde rückwirkend freigesprochen. Stattdessen wurden die Zivilbehörden gerügt, nicht das Nötige gegen die Proteste unternommen zu haben. Laut der im Volksboten in Teilen abgedruckten Urteilsverkündung hatte der Oberst »im guten Glauben« gehandelt. Der »Lübecker Volksbote« meinte im Urteil das Muster einer Zwei-Klassen-Rechtsprechung zu erkennen: Während ein »gewöhnlicher Soldat« schon bei kleineren Vergehen zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt werde, hätten in diesem Fall Offiziere milde über Offiziere geurteilt. Diese »unhaltbaren Zustände« in »Preußen-Deutschland« würden auf all jene »aufpeitschend« wirken, die wollten, dass »nicht der Säbel sondern das Recht bei uns maßgebend sein soll«.

Link zur Quelle: »Lübecker Volksbote« 12. Januar 1914.

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